
Der junge Johannes Brahms
Am Tag, bevor Schumann in seinem Tagebuch notiert, er habe sein Violinkonzert vollendet, ist ein junger Musiker bei ihm und seiner Frau Clara zu Gast: Johannes Brahms. Wie Schumann in seiner "Neuen Zeitschrift für Musik" berichtet: "das ist ein Berufener. Am Clavier sitzend, fing er an wunderbare Regionen zu enthüllen." In seiner Begeisterung über dieses 20-jährige Genie hält Schumann zudem fest: "Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, […] so stehen uns noch wunderbarere Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor." Diese Vorschusslorbeeren werden dem jungen Brahms eher als Hypothek auf den Schultern lasten als ihn beflügeln. Jahrelang wälzt er die Frage in sich, wie die orchestrale Königsgattung Sinfonie zu meistern sei. Neben dem Erwartungsdruck macht Brahms vor allem dies zu schaffen: Wie nach Beethovens sinfonischen Höchstleistungen selbst noch ein Werk dieser Gattung komponieren?
Im Jahr 1862 schickt Brahms dann aus heiterem Himmel die Urfassung vom Kopfsatz seiner Ersten an Clara Schumann. Sie ist begeistert – und vom Beginn schlicht überwältigt: "Das ist nun wohl etwas stark, aber ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt." Doch die Arbeit will nicht so recht vorangehen. Noch scheint Brahms mit der Formgebung unzufrieden zu sein. Acht Jahre später schreibt er resigniert die berühmt gewordenen Worte an den Dirigenten Hermann Levi: "Ich werde nie eine Symphonie komponieren! Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört." Der Riese Beethoven, er lässt Brahms nicht los. Weitere sechs Jahre später ist es dann endlich geschafft. Am 4. November 1876 kann Brahms’ Erste in Karlsruhe uraufgeführt werden. Publikum und Fachleute sind regelrecht erschlagen von der Wucht, der Ernsthaftigkeit dieser Musik. Ein kraftvoller Wurf, der sich tief ins Gedächtnis brennt.