Polizistin bei einer Grenzkontrolle, dazu sieht man die Balken einer Datenvisualisierung

Migration: Weniger Menschen kommen nach Deutschland und NRW

Stand: 05.04.2025, 06:00 Uhr

In den Koalitionsverhandlungen streiten CDU und SPD über die künftige Migrationspolitik. Die Daten und Fakten zum Thema.

Von Julian Budjan und Jörn Kießler

Irreguläre Migration begrenzen – das wollen beide künftigen Regierungspartner. Wie das gelingen soll, darüber herrscht zwischen CDU und SPD noch Uneinigkeit. Als Streitpunkte gelten Zurückweisungen an der Grenze und Asylverfahren außerhalb der EU.

Mitten in die Verhandlungen platzen Ende März die öffentlichen Äußerungen von Hans-Eckhard Sommer, dem Präsidenten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Er plädiert für eine Abschaffung des individuellen Asylrechts, für dessen Umsetzung seine Behörde zuständig ist. Doch wie ist überhaupt die aktuelle Lage?

Daten-Recherche zur Migration

Wie viele Menschen kommen über welche Wege in die EU, nach Deutschland und NRW? Wer darf bleiben, wer muss gehen? Wir haben die offiziellen Daten von Statistikbehörden und Polizei für einen Überblick ausgewertet.

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Wie viele Menschen fliehen derzeit nach Europa?

Im Jahr 2024 wurden nach Angaben der 27 Mitgliedsstaaten rund eine Million Asylanträge in der Europäischen Union gestellt – davon 251.000 in Deutschland (230.000 Erstanträge). Damit sind wir nach wie vor das Land mit den meisten Asylanträgen. Allerdings auch mit den meisten Einwohnern.

Gemessen an der Einwohnerzahl, belegt Deutschland nur Platz 7. Zypern und Griechenland haben es im Verhältnis mit mehr als der doppelten Anzahl an Schutzsuchenden zu tun.

Insgesamt hat sich der Trend wieder umgekehrt. 2020 war die Zahl der Asylbewerber auf einem vergleichsweise niedrigen Stand und stieg seitdem jährlich an. Jetzt ist sie im Vergleich zu 2023 zum ersten Mal wieder gesunken – EU-weit um 13 Prozent, in Deutschland um 30 Prozent.

Das setzt sich auch 2025 fort. Stellten im Januar und Februar 2024 noch rund 45.000 Menschen erstmals einen Asylantrag in Deutschland, waren es im gleichen Zeitraum 2025 nur 26.000.

Die Zahl der Asylanträge in Deutschland unterscheidet sich übrigens je nach Quelle. Die Asylagentur der Europäischen Union (EUAA) kommt nur auf 237.000 Anträge, 14.000 weniger als das BAMF. Eine Erklärung für diese Unterschiede ist, dass manche Geflüchteten innerhalb eines Jahres in verschiedenen EU-Ländern Anträge stellen.

Wie viele kommen nach NRW – und wo leben sie?

Etwa 20 Prozent aller Asylbewerber und -bewerberinnen, die nach Deutschland kommen, werden NRW durch das BAMF zugewiesen, 45.000 im Jahr 2024 bedeuten einen Rückgang von 33 Prozent zum Vorjahr. Die Verteilung erfolgt nach dem Königssteiner Schlüssel, der sich an Bevölkerungszahl und Steueraufkommen orientiert.

Während eines Asylverfahrens dürfen Schutzsuchende ihren Wohnort nicht verlassen. Werden sie als schutzbedürftige Geflüchtete anerkannt, dürfen sie in den ersten drei Jahren nur innerhalb von NRW umziehen.

Viele von ihnen bleiben: Vor allem in den urbanen Gegenden sind Geflüchtete längst wesentlicher Teil der Gesellschaft. Das zeigt die Schutzsuchenden-Statistik mit Daten aus dem Ausländerzentralregister (AZR). Mehr als fünf Prozent der Einwohner im Ruhrgebiet sowie mehreren Großstädten haben ihre Heimatländer einmal aus politischen, humanitären oder völkerrechtlichen Gründen verlassen. In Essen sind es sogar 40.000 von 574.000 Einwohnern.

Wer darf bleiben, wer wird nur geduldet?

Nur ein kleiner Anteil der Schutzsuchenden darf sich auf ein dauerhaftes Leben in NRW einstellen. Es gibt verschiedene Schutzstati. Fast zwei Drittel aller Schutzsuchenden müssen regelmäßig eine Verlängerung ihres Aufenthaltstitels beantragen. Ein dauerhaftes Bleiberecht wird nach fünf Jahren in Aussicht gestellt, ist aber an Bedingungen wie Job, Einkünfte, Wohnraum oder Sprachkenntnisse geknüpft.

Zeitweilig bleiben dürfen auch Schutzsuchende mit einer Duldung. In den meisten Fällen wurde ihr Asylantrag abgewiesen, sie gelten als ausreisepflichtig. Diese Ausreisepflicht kann ausgesetzt werden. Aus humanitären und persönlichen Gründen, weil sie kranke Familienmitglieder oder eine Ausbildung haben. Jede dritte Duldung wird aber wegen fehlender Reisedokumente ausgesprochen – das gebietet internationales Recht. Die Duldung kann jederzeit widerrufen werden, wenn beispielsweise die Identität geklärt wird.

Zu Beginn des Jahres 2024 war nur ein Prozent der sich in Deutschland und NRW aufhaltenden Schutzsuchenden aktiv aufgefordert, das Land zu verlassen, der Hälfte drohte eine Abschiebung, weil sie der Aufforderung innerhalb eines Monats nicht nachgekommen waren.

Woher und über welche Routen kommen die Geflüchteten?

Anfang 2024 stellten die Ukrainerinnern und Ukrainer bundesweit die größte Gruppe unter den Schutzsuchenden. In NRW lebten mehr als 200.000 von ihnen – ähnlich viele wie Syrerinnen und Syrer.

In den 14 Monaten von Januar 2024 bis März 2025 kamen weitere 237.000 ukrainische Staatsbürger nach Deutschland. Das sind nur etwas weniger als alle 256.000 Menschen anderer Nationen, die erstmalig einen Asylantrag in diesem Zeitraum stellten. Gleichzeitig verließen mehr als 100.000 Ukrainerinnen und Ukrainer das Land wieder. Wegen des russischen Angriffskriegs müssen sie keinen Asylantrag stellen, um in Deutschland bleiben zu können.

Einreisen über Belarus nehmen zu

An den EU-Landesgrenzen sind die illegalen Einreisen über Belarus nach Polen 2024 um 25 Prozent auf mehr als 30.000 gestiegen. Das berichtet das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). Doch das sind nur die Einreisen, die von Grenzbeamten festgestellt wurden. Die Route dürfte weitaus höher frequentiert sein. Der EU-Vorwurf: Russland und Belarus hätten gezielt Schleppernetzwerke aufgebaut.

Dagegen scheinen die Zahlen auf der Westbalkan-Route zurückzugehen. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex geht 2024 von 21.500 und damit etwas mehr als halb so vielen Zugewanderten als im Vorjahr aus. Entlang der Balkanroute hatten mehrere EU-Staaten zuletzt Grenzkontrollen stark ausgebaut, seit Anfang 2023 unterstützt von einem EU-Aktionsplan und zusätzlichen Frontex-Beamten.

Rückgang auf Mittelmeer-Routen

2024 kamen laut UN-Hilfswerk auch deutlich weniger Menschen über das Mittelmeer nach Europa als im Vorjahr. Waren es 2023 mehr als 270.000 Personen, ist die Zahl der Ankommenden auf unter 200.000 gesunken.

Landkarte zeigt häufige Fluchtrouten nach Europa

Die großen Fluchtrouten nach Europa: Wie oft sie genutzt werden, verschiebt sich.

War die zentrale Mittelmeer-Route nach Italien in der Vergangenheit die meistgenutzte, hat sich die Zahl der Ankommenden 2024 halbiert, was für eine höhere Frequentierung der anderen Fluchtrouten sorgt. Alle drei werden nun fast gleichermaßen genutzt. Mehr als 60.000 Menschen kamen so neben Italien jeweils auch über die östliche und westliche Mittelmeer-Route in Griechenland sowie auf dem spanischen Festland und vor allem den Kanaren an.

Frontex führt den Rückgang auf der Route nach Italien maßgeblich auf die Abkommen der italienischen Regierung mit Tunesien zurück, das die Mittelmeer-Überfahrt verhindern soll. Sie bleibt indes gefährlich. Fast 3.000 Tote oder Vermisste meldet UNHCR für 2024.

Wie viele unerlaubte Einreisen sind bekannt, wie viele Zurückweisungen?

Die 2023 bereits für südliche und östliche Landesgrenzen Deutschlands eingeführten Grenzkontrollen gelten nunmehr seit September 2024 für alle deutschen Grenzen.

70.000 Menschen wurden 2024 von der Bundespolizei dort bei dem Versuch aufgegriffen, unerlaubt, das heißt ohne Visum oder bereits ausgestelltem Schutzstatus nach Deutschland einzureisen: Erstmals ein Rückgang, nachdem die Zahlen seit 2021 stetig auf bis 113.000 Personen (128.000 mit Flughäfen) im Jahr 2023 angewachsen waren. Und sie sinken weiter: 23 Prozent weniger illegale Einreisen waren es im Januar und Februar 2025 gegenüber den Vorjahresmonaten.

Gleichzeitig schnellt die Zahl der Zurückweisungen nach oben. Diese Praxis gilt als umstritten. Denn: Zurückgewiesen werden kann nach EU-Recht eigentlich nur, wer keinen Asylgesuch äußert. Auch, wenn jemand bereits in einem anderen EU-Staat einen Antrag gestellt hat, muss diese Zuständigkeit nach dem Dublin-Verfahren geprüft werden.

Nun könnte es dazu kommen, dass die künftige Regierung die Zurückweisungen "in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn" auch auf Asylbewerber ausweitet. So heißt es zumindest im Sondierungspapier. Jetzt wird darüber verhandelt.

Wie viele Abschiebungen wurden zuletzt vollzogen?

Nach Informationen des Bundesinnenministeriums (BMI) ist die Zahl der Menschen, die aus Deutschland in ihre Herkunftsländer abgeschoben wurden, 2024 um 20 Prozent auf etwa 20.000 gestiegen. Auch in NRW gibt es mehr Abschiebungen:

Die Überstellung an einen anderen EU-Staat scheitert häufig. Von knapp 75.000 deutschen Übernahmeersuchen 2024 wurden zwar drei Viertel formal durch EU-Länder bewilligt, aber nur 5.800 Personen überstellt. Das hat mehrere Gründe, wie das BMI mitteilt. 2023 waren das:

  • Hürden in den Mitgliedsstaaten (25 Prozent der Fälle ): Italien verweigert in der Praxis gänzlich, Griechenland teilweise die Aufnahme, häufig greifen auch deutsche Gerichte wegen schlechter Aufnahmebedingungen ein.
  • Es gibt Probleme bei der Bearbeitung durch die Ausländerbehörden (20 Prozent).
  • Einige Menschen tauchen unter (12 Prozent). Nach Ablauf von 18 Monaten ist Deutschland für das Asylverfahren zuständig.

Zudem reisen abgelehnte Asylsuchende auch freiwillig aus. Einige bekommen dafür von Bund und Ländern finanzielle Unterstützung. Rund 33.000 Menschen waren das 2024.

Unsere Quellen:

  • Bundespolizei
  • Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
  • Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI)
  • UN-Flüchtlingskommisariat (UNHCR)
  • EU-Grenzschutzagentur Frontex
  • Kleine Anfragen der Bundestags-Gruppe "Die Linke" zu Zurückweisungen an deutschen Binnengrenzen (09/2024 und 02/2025) und auf dem Luftweg (03/2025) sowie Dublin-Verfahren (03/2025)
  • Statistisches Bundesamt