Studiogespräch: Peter Neumann, Terrorismusexperte
Aktuelle Stunde . 26.02.2025. 34:55 Min.. UT. Verfügbar bis 26.02.2027. WDR.
Terror-Experte Neumann: Dschihadistische Aktivitäten massiv zugenommen
Stand: 26.02.2025, 19:08 Uhr
Wie groß ist aktuell die Gefahr durch die Terror-Organisation IS? Worauf muss die Polizei beim Karneval gefasst sein? Ein Interview mit Terrorismus-Experte Peter Neumann nach den IS-Drohungen für den Straßenkarneval in Köln.
Die dschihadistischen Aktivitäten hätten sich in Westeuropa zuletzt deutlich erhöht, sagt Terrorismus-Experte Peter Neumann vom King's College London. Die islamistische Terror-Gefahr sei da, aber deshalb sollte man sich nicht sein Leben kaputtmachen lassen, so der Politikwissenschaftler im WDR-Interview. Er selbst würde sich jedenfalls nicht scheuen, beim Straßenkarneval zu feiern.
WDR: Tun wir mal so, sie wären Karnevalsjeck und wollten mit Ihren Lieben in den Straßenkarneval nach Köln. Drei Möglichkeiten: A: Ich ignoriere das alles und gehe auf jeden Fall hin. B: Ich gehe hin, aber mit einem schlechten Gefühl. C: Ich bleibe sicherheitshalber zu Hause. Wofür entscheiden Sie sich?
Peter Neumann: Ich würde mich für D entscheiden. Das bedeutet: Ich würde hingehen. Aber ich würde achtsam sein. Und ich glaube, das ist jetzt auch das Motto.
Natürlich haben wir eine erhöhte Gefahrenlage. Das kann man überhaupt nicht ignorieren. Wir haben in den letzten Wochen fast jede Woche einen versuchten oder durchgeführten Anschlag gehabt: in Deutschland, in Österreich, in Europa. Das bedeutet, dass die Gefahrenlage problematisch ist.
"Das bedeutet aber nicht, dass man sich dadurch sein Leben kaputtmachen lassen sollte."
Das bedeutet, dass man achtsam sein sollte.
WDR: Achtsam zu sein, ist konkret natürlich schwierig in so einer Menschenmenge. Da gibt es ja nicht wirklich einen Schutz.
Neumann: Das bedeutet, dass man aufpasst. Aber das bedeutet natürlich auch, dass die Behörden ihren Job machen müssen. Das bedeutet: Sicherheitskonzepte. Dass man große Menschenmengen abriegelt. Dass es eine Polizeipräsenz gibt, die man dann auch ansprechen kann, wenn man etwas beobachtet, was möglicherweise komisch ist. Dass es Messerverbote gibt, die dann tatsächlich auch kontrolliert werden. All diese Maßnahmen sind wichtig.
Es ist ja fast schon ein Klischee: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass man nicht versuchen sollte, die Sicherheit so weit wie möglich zu erhöhen. Und darum geht es jetzt.
WDR: Wenn wir von islamistischem Terror und islamistischer Bedrohung reden, taucht regelmäßig immer noch der IS als Akteur auf - eine Terrortruppe, die doch eigentlich militärisch längst besiegt scheint. Wer ist heute eigentlich der IS? Und reicht der Arm wirklich bis nach Deutschland?
Neumann: Der IS hat ja in den letzten 15 Monaten wieder an Stärke gewonnen. Das hat mit dem 7. Oktober 2023 zu tun (Terror-Großangriff der Hamas auf Israel, Anmerkung der Redaktion) und was seitdem im Nahen Osten passiert ist. Das hat viele Leute mobilisiert - viele Leute auch im Internet, die sich radikalisiert haben, die wütend sind und jetzt gewissermaßen auf ein Signal warten.
Wir haben in Westeuropa in den letzten 15 Monaten eine Erhöhung des Volumens dschihadistischer Aktivität um 400 Prozent festgestellt, also ganz, ganz deutlich nach oben.
"Viele der potentiellen Attentäter im Internet warten jetzt quasi auf ein Signal."
Insofern ist da schon was am Kochen, das man nicht unterschätzen darf.
WDR: Sie sagen 400 Prozent Erhöhung. In Deutschland hat sich wahlkampfbedingt die Diskussion stark auf Geflüchtete und Täter fokussiert. Gibt es da einen Zusammenhang? Ist das klassisch die Klientel, die dann für IS-Parolen empfänglich ist?
Neumann: Es ist schon so, dass viele der versuchten, auch durchgeführten Anschläge gerade in Deutschland von Personen verübt wurden, die im Bereich Flucht und Asyl sind. Das ist aber nicht die einzige Gruppe. Es gibt auch sehr, sehr junge Attentäter, die zum Teil aus diesem Bereich kommen, zum Teil eben nicht.
Aber was der gemeinsame Nenner ist, das ist in fast allen diesen Zusammenhängen tatsächlich das Internet, Radikalisierung auf großen sozialen Medienplattformen und dann eben die Tatdurchführung auf eigene Initiative, inspiriert oftmals durch Videos des IS.
Das Interview führte Martin von Mauschwitz in der "Aktuellen Stunde" im WDR Fernsehen am 26.2.2025.