So viel Kleidung und Schuhe wie noch nie: Wohin mit all den Klamotten?

Stand: 26.03.2025, 13:17 Uhr

Einen Koffer voll Kleidung und Schuhe kaufen wir jedes Jahr pro Person neu. Dabei müssen es gar nicht immer neue Klamotten sein.

Von Nina Magoley

Diese Zahlen werden so manchen überraschen: Etwa acht Kilogramm Kleidung kaufen EU-Bürger im Durchschnitt pro Jahr neu, dazu vier Kilo Schuhe. Das steht in einem Bericht der EU-Umweltagentur, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Insgesamt 19 Kilogramm Textilien schafft sich demnach jeder EU-Einwohner pro Jahr neu an. Das entspreche einem großen Koffer voll - so viel wie nie zuvor.

19 kg Textilien kaufen EU-Einwohner im Schnitt pro Jahr - so viel wie nie zuvor. | Bildquelle: WDR

Nun kann sich jeder Mensch natürlich so viele Hosen, Kleider oder T-Shirts kaufen, wie er möchte - oder wie der Kleiderschrank fasst. Fakt ist aber auch: Gleichzeitig landen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt jedes Jahr rund 175.000 Tonnen Altkleider und Textilien im Altkleidercontainer. Das sind rund zwei Kilogramm pro Person. Innerhalb von zehn Jahren sei diese Menge um 55 Prozent gestiegen.

Belastung für Umwelt und Klima

"Wir können heutzutage Kleidung kaufen, wenn wir abends gelangweilt auf dem Sofa sitzen", stellt Thomas Ahlmann vom Essener Verband FairWertung im WDR-Interview fest. Bei immer schneller wechselnden Trends wachse die Menge an ausrangierten Textilien rasant und es bleibe offen, was am Ende damit geschehen soll.

Für Umwelt und Klima bedeute dieser gestiegene Konsum eine hohe Belastung, heißt es in dem EU-Bericht: Angestiegen sei dadurch nicht nur der Verbrauch an Öl, Erdgas und Baumwollfasern. Auch die CO2-Emissionen in der Textilproduktion nahmen zu: 355 Kilo CO2-Ausstoß pro Person rechnen die Wissenschaftler inzwischen - so viel wie 1.800 Kilometer Fahrt mit einem normalen Auto mit Benzinmotor. Etwa 70 Prozent der Emissionen werden allerdings außerhalb Europas freigesetzt. Hauptsächlich in Asien, wo der Großteil der Textilproduktion stattfindet.

Hinzu kommt ein enormer Wasserverbrauch, insbesondere für die Bewässerung von Baumwollfeldern: Zwölf Kubikmeter Wasser pro Person waren es 2022.

44 Prozent der Retouren verschwinden

Wo gehen die Retouren hin? | Bildquelle: WDR

Eine große Rolle beim gestiegenen Kleidungskonsum spiele der Online-Kauf, heißt es in dem EU-Bericht. Viele Verbraucher würden das gewünschte Kleidungsstück in mehreren Größen bestellen, um sie zuhause anzuprobieren. Das ist verlockend, weil die Rücksendung bei vielen Onlineanbietern kostenlos ist. Bis zu 44 Prozent dieser Retouren aber würden nie einen neuen Kunden erreichen und stattdessen vom Anbieter vernichtet.

Was kann man tun gegen den Kaufrausch?

Es müssen gar nicht immer neue Kleidungsstücke sein, sagen Experten. Gerade jüngere Menschen tendieren mittlerweile dazu, ihre Lieblingsstücke im Second-Hand-Laden zu suchen.

  • Hürden beim Online-Shoppen bauen: Dadurch, dass man inzwischen selbst auf Instagram oder Tiktok mit einem Klick neue Klamotten bestellen kann, würden Verbraucher immer mehr zum spontanen Online-Kauf verleitet, sagt Konsumentenpsychologin Janina Steinmetz. Sie rät, sich das Online-Shoppen "einfach ein bisschen schwieriger zu machen". Zum Beispiel die hinterlegten Kreditkartendaten einfach wieder zu löschen. "Wenn ich dann erstmal mein Portemonnaie rauskramen muss, um die Kontonummer zu finden, habe ich es mir bis dahin vielleicht schon wieder anders überlegt", so Steinmetz.
  • Kleidung leihen oder tauschen: So lässt sich die Garderobe kreativ ergänzen, ohne direkt ein neues Teil zu kaufen - wenn beispielsweise zum Party-Outfit noch der passende Blazer oder die schicke Tasche fehlt. Zum einen gebe es immer mehr Anbieter, die Kleidungsstücke verleihen, sagt Nachhaltigkeits-Stylistin Janine Dudenhöffer im WDR-Interview. Zum anderen lohne es sich, im Freundeskreis zu checken, wer ungefähr die eigene Größe und einen ähnlichen Geschmack hat. So ließen sich Kleidungsstücke "dann einfach untereinander weitergeben" und "ganz viele Ressourcen sparen".

Kleidung nachhaltig nutzen: So gelingt es WDR 5 Morgenecho - Interview 26.03.2025 06:35 Min. Verfügbar bis 26.03.2026 WDR 5

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Und wohin mit aussortierten Stücken?

Auch umgekehrt kann man dazu beitragen, dass die eigene aussortierte Kleidung noch dankbare Abnehmer findet.

  • Gebraucht verkaufen: Aussortierte Klamotten lassen sich oft gut online weiterverkaufen - auf Plattformen wie Vinted, Kleiderkreisel.de oder Ebay-Kleinanzeigen. Mit ein paar guten Fotos und aussagekräftigen Stichworten zu Größe, Material und Zustand finden die Jeans oder der gebrauchte Blazer vielleicht neue Besitzer - und im eigenen Portemonnaie landen noch ein paar Euro. Auch viele Second-Hand-Läden nehmen gut erhaltene Kleidung entgegen, umsonst oder in Kommission.
  • Zu Sammelstellen bringen: In vielen Städten gibt es Organisationen, die gebrauchte, gut erhaltenen Kleidung entgegennehmen und an soziale Projekte oder Bedürftige direkt verteilen. Zum Beispiel Oxfam, Läden des Roten Kreuzes, Obdachlosenunterkünfte, Flüchtlingsheime oder Frauenhäuser. Vorab sollte man klären, ob die jeweilige Einrichtung gerade Bedarf an Kleidung hat. Die Organisation FairWertung sammelt in deutlich gekennzeichneten Containern gut erhaltene Kleidung und Schuhe, um sie an unterschiedliche soziale Vereine und Sozialkaufhäuser zu verteilen. Gerne genommen werden hier auch Schals, Bettwäsche und Tischdecken. Auf der Homepage kann man eine Liste von Containern und anderen Sammelstellen in seiner Nähe finden.
  • Altkleidercontainer: Die einschlägigen Altkleidercontainer sind etwas in Verruf geraten, nachdem Medienrecherchen zeigten, dass der Großteil der Kleiderspenden nicht bei Bedürftigen lande, sondern in andere Länder verkauft werde. In afrikanischen Ländern habe die große Masse an Alttextilien dazu geführt, dass in der lokalen Textilindustrie unzählige Arbeitsplätze verloren gegangen seien. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und die Organisation FairWertung dagegen sagen, dass mehr als 90 Prozent der so entsorgten Textilien wiederverwendet würde - als Second-Hand-Bekleidung oder recycelt zu Putzlappen oder Dämmstoffen.

Übrigens: Der Hausmüll ist keine Option für die Entsorgung von Altkleidung. Seit dem 1. Januar 2025 ist das per EU-Gesetz verboten. Der VKU weist aber darauf hin, dass stark zerschlissene, verdreckte oder anderweitig kontaminierte Textilien weiterhin über die Restmülltonne entsorgt werden dürfen. Bei der Wiederverwertung als Second-Hand-Bekleidung stören solche Textil-Abfälle.

Wegwerfware Textil? Wir konsumieren immer mehr 03:24 Min. Verfügbar bis 26.03.2027

Unsere Quellen:

  • Bericht der EU-Umweltagentur
  • Statistisches Bundesamt 
  • WDR-Interview mit Thomas Ahlmann vom Essener Verband FairWertung
  • WDR-Interview mit Konsumentenpsychologin Janina Steinmetz
  • WDR-Interview mit Nachhaltigkeits-Stylistin Janine Dudenhöffer
  • Verbraucherzentrale NRW